Für viele Tier- und Pflanzenarten unserer Wiesen ist die Wahl des Mähzeitpunktes ein entscheidender Faktor für ihren Fortbestand. Demnach stellen Schnittzeitauflagen einen wesentlichen Bestandteil von ÖPUL Naturschutzmaßnahmen dar. Sowohl ein zu früher als auch ein zu später Schnitt kann zu ökologisch negativen Entwicklungen führen. Bei einem zu frühen Schnitt sind einerseits bestimmte, spät blühende Arten längerfristig nicht in der Lage, ihren vollen Reproduktionszyklus zu durchlaufen und andererseits können Arten, deren Speicherrhythmik an eine spätere Mahd angepasst ist, nicht genügend Nährstoffe in unterirdische Pflanzenteile einlagern, um nach dem Schnitt mit ausreichender Vitalität auszutreiben. Aber auch zu spät angesetzte Schnittzeitpunkte können aus ökologischer Sicht kontraproduktiv sein. So kann es beispielsweise bei Glatthaferwiesen unter dauerhafter Anwendung einer zu späten Mahd zur Verschiebung des Artenspektrums mit zunehmender Dominanz des Glatthafers und dem Verschwinden konkurrenzschwacher Arten kommen. Daneben besteht beispielsweise bei bestimmten Feuchtwiesen durch zu späte Mahd die Gefahr der flächigen Ausbreitung von Hochstauden und eines damit einhergehenden Rückganges der Artenvielfalt.
Mit der Auflage "Schnittzeitpunktverzögerung" im Rahmen der Naturschutzmaßnahmen des ÖPUL 2007 wird ein wesentlicher Beitrag zur Erhaltung von Schönheit und ökologischem Reichtum unserer Wiesen geleistet. Hierbei erfolgt die Auflage in Form eines Datums. Es gibt aber auch eine andere Variante.
Der Kalender, den die Natur schreibt
In der Naturentwicklung gleicht kein Jahr dem anderen. Blüte oder Diasporenreife von Wiesenpflanzen zählen zwar zu den zuverlässig wiederkehrenden Ereignissen im Jahresverlauf, doch halten sich diese Phänomene nur sehr bedingt an die statische Abfolge unseres Datumskalenders. Unterschiede bezüglich Vegetationsentwicklung und Wiesenreifezuständen können von den Tieflagen bis zu hochgelegenen Mähdern über einen Monat betragen. Witterung, Höhenlage, Wasserversorgung und oft auch die Vorjahresverhältnisse sind zentrale Wirkgrößen hinter dieser Jahr für Jahr unterschiedlichen Entwicklung. Dementsprechend tritt auch die Mahdreife der Wiesen in einem Jahr früher und in einem anderen Jahr später ein, wobei diesbezügliche Unterschiede im langjährigen Durchschnitt bis zu 3 Wochen betragen können. Die beiliegende phänologische Karte zeigt diese österreichweiten Unterschiede zum Zeitpunkt des Ährenschiebens / Rispenschiebens ausgewählter Leitgräser auf anschauliche Weise.
Mehr Flexibilität bei den Schnittzeitpunkten im Rahmen der Maßnahme "Phänologischer Mähzeitpunkt"
Im Rahmen der ÖPUL Naturschutzmaß- nahmen besteht für Betriebe in den Bundesländern Niederösterreich, Salzburg, Steiermark und Tirol die Möglichkeit, Mahdzeitpunkte nach dem Kalender, "den die Natur schreibt", zu vereinbaren. Statt eines fixen Datums wird der Mahdzeitpunkt nach Blüh- oder Fruchtphasen heimischer Pflanzenarten festgelegt. Das bringt für die Landwirte mehr Flexibilität bei den Mahdzeit- punkten und eine Qualitätsverbesse- rung des Erntegutes. Für den Natur- schutz bietet sich eine echte Opti- mierungsschance für ökologisch wert- volle Flächen und eine Akzeptanz- steigerung von Naturschutzmaßnahmen.
So funktioniert´s in der Praxis
Im Zuge des Betriebsgespräches suchen Landwirt und Ökologe einzelne Pflanzenarten (sog. Indikatorarten) aus, mit deren Hilfe der Mahdtermin künftig festgelegt wird. Dies kann z.B. ein Schwarzer Holunder am Rande des Feldstückes oder bei der Hofstätte sein. Anschließend wird je nach Wiesentyp eine geeignete Entwicklungsstufe (sog. Phänostufe) der Beobachtungspflanze wie etwa die Vollblüte des Schwarzen Holunders ausgewählt und der Eintritt dieser Phänostufe als frühesten Zeitpunkt für die zukünftige Mahd vereinbart.
Wenn der Landwirt an der festgelegten Pflanze (z. B. dem Holunder) vor Ort selbst erkennt, dass die vereinbarte Phänostufe eingetreten ist, kann mit der Mahd der Wiese begonnen werden. Das wird in einem Jahr früher und im anderen Jahr später der Fall sein. Statt eines fixen und für die Vertragslaufzeit gleich bleibenden Pflegedatums haben die Bewirtschafter somit die Möglichkeit, den Mahdzeitpunkt Jahr für Jahr und Region für Region an die jeweilige Vegetationsentwicklung anzupassen.
Nutzen und Vorteile für Landwirte & Naturschutz
Der Hauptvorteil für die Landwirte liegt bei Anwendung der Maßnahme "Phänologischer Mähzeitpunkt" in der größeren innerbetrieblichen Flexibilität und Verbesserung der Qualität des Erntegutes. Der Zeitpunkt für die Futterernte wird flexibler, und die Häufigkeit witterungsbedingter Missernten geringer. Aus naturschutzfachlicher Sicht kann bei guter Wahl von Indikatorart und Phänostufe sowohl ein zu früher als auch ein zu später Schnitt weitgehend ausgeschlossen werden. Dies gewährleistet einen hohen Erfüllungsgrad von Naturschutzzielen im Zusammenhang mit Artvorkommen, Vergesellschaftung und Strukturgefüge ökologisch wertvoller Flächen.
Renaissance der alten bäuerlichen Tradition der Naturbeobachtung
Durch die praktische Anwendung, Beobachtung und Rückmeldung phänologischer Ereignisse durch die Landwirte wird ein wichtiger Beitrag zum Aufbau eines Beobachternetzwerkes mit Verbesserung der Kenntnislage zur Naturentwicklung in verschiedenen Regionen und Höhenstufen geleistet werden. Der "Phänoansatz" schließt hierbei nahtlos an die alte landwirtschaftliche Tradition des Beobachtens und Notierens von Naturphänomenen am Betrieb an, wie sie z.B. aus der Tradtion der Lostage noch in Erinnerung ist.. Bei der Beobachtung des Eintrittes von Phänostufen durch die Landwirte und die Rückmeldung mittels eines einfachen Formblattes wird die Naturbeobachtung am Betrieb quasi im Nebenbei wieder mit neuem Leben erfüllt. Daneben fördert die Pflanzenbeobachtung auf einfache Weise die Verbundenheit der Landwirte mit typischen Naturphänomenen im unmittelbaren Bereich ihrer Flächen.
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MÄHZEITPUNKT